Geschichte

Von P. M., mit bürgerlichen Namen Hans E. Widmer

Im Jahr 2008 erschien der Text «Neustart Schweiz – So geht es weiter» in der Edition Zeitpunkt. Ich hatte ihn noch 2007 verfasst, vor der Finanzkrise. Aber er passte auch gut in die Zeit nach der Krise, denn sie machte mir keinen besonderen Eindruck: «Die Blasen kommen und gehen – der Krisenausbruch von 2008 war nur eine Neuauflage einer tiefen Dauerkrise, mit der wir seit den siebziger Jahren leben» (Einleitung der 2. Auflage, die 2010 ebenfalls in der Edition Zeitpunkt erschienen und bereits vergriffen ist).

Das Büchlein fand ein lebhaftes Echo, und schon bald fanden lockere Treffen an verschiedensten Orten der Schweiz statt: Solothurn, Zürich, Dietikon, Schmidrüti usw. Menschen aus verschiedensten Kreisen trafen sich: Stadtpionierinnen, Landpionierinnen (Permakultur, regionale Ökonomie), alte 68-er und jüngere Aktivistinnen, Akademikerinnen, Künstlerinnen, Bäuerinnen, Berufsleute, Lehrerinnen usw. Das Thema Nachbarschaft bestätigte sich als Kernthema. Alex sagte damals in Solothurn, dass wir die «Deutungshoheit des Begriffs Nachbarschaft» erringen sollten.

Uralt und doch visionär

Es ist offensichtlich, dass die Idee selbständiger lokaler Gemeinschaften uralt ist: man könnte bis zu den Pythagoräern, den mittelalterlichen Klöstern, den Phalanstères und Familistères der Utopisten des 19. Jahrhunderts, den Landkommunen der siebziger Jahre, den Hausbesetzungen der achtziger Jahre zurückgehen. Das Büchlein «bolo’bolo» (1983; neuste, 9. Auflage von 2015 nach wie vor im Handel erhältlich) war nur eine Zwischenbilanz dieser Parallelgeschichte, die auch eine Weltgeschichte ist (bolo’bolo gibt es inzwischen auch auf türkisch und galizisch).

Neustart Schweiz befasste sich zwar hauptsächlich mit der Schweiz, aber die Perspektive war von Anfang an global. Es ging nicht darum in der Schweiz ein kleines Paradies zu bewahren, sondern global zu teilen. Dies wurde nochmals im Buch NUR (2015) unterstrichen, das einen globalen Neustart Fonds vorsieht.

Vereinsgründung

Nach langem Hin und Her wurde schliesslich am 24. August 2010 der Verein Neustart Schweiz im Bahnhofbuffet Olten gegründet. Von Anfang an waren auch Mitglieder aus Freiburg im Breisgau und aus Vorarlberg dabei. Die Mitglieder des Vorstands etablierten eine Web-Seite, produzierten Publikationen und Werbematerial, hielten Vorträge an den verschiedensten Orten, organisierten Exkursionen.

Die Mitgliederversammlungen wurden für World-Cafés, Vorträge und Besichtigungen genutzt. Schon bald verlagerten sich aber die praktischen Aktivitäten auf lokale Gruppen: in Zürich wurde NeNa1 (2012) gegründet, in Basel Lena (2015). In vielen anderen Projekten, die den Konzepten von Neustart Schweiz entsprachen, waren und sind Mitglieder aktiv (siehe unter «Mitmachen»).

Weitere Publikationen

Als das Büchlein Neustart Schweiz vergriffen war, wurden die Broschüren «Nachbarschaften entwickeln!» (2011, mehrere Auflagen, auch auf französisch: «Développer des voisinages«) und «‹The Power of Neighbourhood› und the Commons (2013)» herausgegeben. Diese verbreiteten sich in der Schweiz und im Ausland und erlaubten es unsere Konzepte bekannt zu machen und Menschen zum Anpacken von konkreten Projekten zu motivieren. Im September 2016 wurde das Buch «Nach Hause kommen – Nachbarschaften als Commons» publiziert, welches die gesammelten Erfahrungen bündelt.

Schauen Sie sich alle unsere Publikationen an.

Die Auseinandersetzung mit den Themen Commons, Stadt- und Raumentwicklung, Ökologie, (Geld-) Wirtschaft, Übergangsstrategien, hat die Aktivitäten des Vereins und seiner lokalen Gruppen in den letzten Jahren bestimmt. Es wurden politische Kontakte geknüpft, ein Seminar abgehalten, Kongresse besucht (Deutschland, Venedig, Österreich, Holland), und vor allem viele Vorträge gehalten um lokale Initiativen zu unterstützen. Die Arbeit mit den Medien weitete sich aus: unzählige Artikel, Interviews, Beiträge in Zeitschriften. Neustart Schweiz hat sich eine gewisse diskrete, aber doch wirksame Präsenz erarbeitet.

Echoraum und Diskussionsforum

Neustart Schweiz übernahm die Rolle eines schweizerischen «Echoraums» für eine ganze Reihe älterer und neuer Projekte, wie sie als partizipative Genossenschaften vor allem im Raum Zürich entstanden sind (Karthago, Kraftwerk1, Dreieck, Kalkbreite, mehr-als-wohnen, sowie Sagi Hegi und Giesserei, beide in Winterthur). Die Thematik der Commons ist zwar in all diesem Projekten präsent, geht aber natürlich weit darüber hinaus. Neustart Schweiz ist daher kein Netzwerk von Genossenschaften (dafür gibt es schon die Plattform Genossenschaften in Zürich, oder die wbg – den Verband der Wohnbaugenossenschaften), sondern ein Diskussionsforum für gesellschaftspolitische Themen im weiteren Sinn.

Das Interesse an den neuen Wohn-und Arbeitsprojekten in der Schweiz ist längst international. Die Diskussion über Commons ist global. Diesem Interesse entspricht auch der Aufbau einer globalen Website www.o500.org (2015), der auf die Initiative griechischer Mitglieder von NCH zurückgeht. Neustart Schweiz gehört zu jenen Gruppen, Organisationen und Bewegungen in aller Welt, die dem grassierenden Rückfall in autoritäre, nationalistische und allgemein reaktionäre Strukturen ein positives Projekt entgegensetzen wollen. Um das zu schaffen, brauchen wir zugleich eine gute Theorie und eine erfolgreiche Praxis.

Was Neustart Schweiz ausmacht

Interessiert dich woher deine Lebensmittel stammen?

Wünscht du dir Gemeinschaft und zugleich Privatsphäre?

Möchtest du alles was dir wichtig ist in der Nähe haben?

Willst du genussvoller leben und Ressourcen schonen?